Dichter auf Wanderschaft

Dass sich der berühmteste Dichter Italiens – Dante Alighieri – nicht nur dazu eignet, sein Konterfei für den heimischen Euro oder seinen Namen für einen großspurigen, weißhaarigen Dämonenjäger herzugeben, wollten uns die lieben Leute von Visceral Games beweisen.

Kleine Sünden…
Unser Held gehört zu den Tausenden der Krieger, die im Namen Gottes gen Jerusalem ziehen, um die heilige Stadt von den Sarazenen, den Ungläubigen, zu “befreien”. Bevor er aufbricht, gelingt es dem jungen Schwerenöter, seine Verlobte Beatrice dazu zu überreden, sich ihm schon vor der Hochzeitsnacht hinzugeben. Der Preis dafür erscheint denkbar gering. Dante soll seiner Geliebten einfach nur die Treue halten, während er für den “wahren Glauben” kämpft. Selbst postkoital noch völlig berauscht, verspricht der natürlich alles, was sie will. Doch als es dann zum Kampf kommt, scheint all das vergessen, was für ihn jedoch kein Problem zu sein scheint. Schließlich hat ihnen der Bischof im Vorfeld die Absolution erteilt.
Es kommt wie es kommen muss: Dante begeht eine blutrünstige Tat nach der Anderen, wird schließlich in der Schlacht um Acre tödlich verwundet und der Tod selbst erscheint ihm, um ihn ins Jenseits zu geleiten. Nur gibt sich unser Held nicht so schnell geschlagen. Nach einem kurzen Kampf, nehmt ihr dem Sensenmann sein Mähwerkzeug ab und zerhackstückelt ihn anschließend mit besagtem Werkzeug.

Nach Ende der Kämpfe begebt ihr euch in eure Heimat Florenz, um endlich wieder mit Beatrice vereint sein zu können. Doch dort angelangt findet ihr sowohl euren Vater Alighiero, als auch eure Angebetete ermordet vor. In diesem Moment der Verzweiflung erscheint euch der Geist der Verstorbenen und versucht Kontakt mit euch aufzunehmen. Doch bevor dies gelingen kann, wird sie von einer von Schatten umhüllten Kreatur hinfortgerissen. Ihr verfolgt die Beiden und tretet schlussendlich durch das Höllentor.
Der große, römische Dichter Vergil erscheint mit der Mitteilung euch im Auftrag Beatricens zu unterstützen und mit Rat zur Seite zu stehen. Denn obgleich er von rechtschaffender Natur war, wurde er nie getauft, weshalbt ihm der Aufenthalt im Paradies verwehrt bleibt. Euer Ziel erscheint nun klar vor euch: die 9 Höllenkreise durchqueren und Beatrice zurückholen.

Die höllischen Heerscharen
Dabei schleudert euch der gefallene Engel Luzifer, seines Zeichens Fürst der Hölle und Entführer Beatricens jede Menge Dämonen und verfluchte Seelen entgegen, um euch aufzuhalten. Hierbei haben die Entwickler ihre ganze Kreativität spielen lassen und hetzen euch Kreaturen auf den Hals, gegen welche die Necormorphs aus Dead Space fast schon liebreizend wirken. Mein persönlicher Favorit sind hierbei die Verführerinnen im Höllenkreis der Wolllust. Grazile, halbnackte Frauen mit Klingenfingern und einer ganz besonderen Eigenschaft. Ab und zu biegen sich diese Wesen nach hinten und zwischen ihren Schenkeln schießt ein gigantischer, mit Stachel versehener Schwanz auf euch zu?!
Ob das nun kreativ oder einfach nur krank ist, das Design des Spiels ist eindeutig der größte Pluspunkt.

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal…
Aber nicht nur bei den Gegnern, auch bei den Höllenkreisen hat Visceral Games seinen kranken Fantasien freien Lauf gelassen. Diese sind thematisch nach Schwere der Sünde unterteilt. Der 1. Kreis wird als Limbus bezeichnet und ist eine Art Zwischenstation, von wo aus die Seelen in ihren enstsprechenden Höllenkreis geschickt werden. Der 2.-4. Kreis ist für Sünder der Maßlosigkeit vorgesehen, während im 5. bis 8. Kreis die Sünder aus Bosheit für ihre Taten leiden müssen. Der letzte Kreis ist schließlich für die schlimmsten aller Sünder vorgesehen: die Verräter.
Je nachdem, welchen Kreis ihr gerade durchquert, rufen euch die Seelen immer wieder andere Dinge zu. Die Sünder der Völlerei wollen einfach nur immer mehr und die des Zorns drohen euch mit unzähligen Schmähungen. Aber eins haben fast alle Kreise gemein. Nämlich die Tatsache, dass im Hintergrund das Geschrei Tausender Seelen zu hören ist, untermalt von epochaler Musik.

Kriegsgott mit Sense/ Dämonenjäger ohne Ebony und Ivory???
Da ihr es, wie bereits erwähnt mit jeder Menge Gegenspielern zu tun bekommt, müsst ihr euch natürlich zur Wehr setzen. Genau für diese Eventualität habt ihr ja die Sense des Todes mit der ihr die Gegnerhorden reihenweise über den Jordan schickt (wenn das in der Hölle denn noch möglich ist). Für weiter entfernte oder gar fliegende Gegner benutzt ihr das Kreuz eurer verschiedenen Verlobten, welches sie euch vor eurem Aufbruch nach Jerusalem als Glücksbringer schenkte. Und wem das noch nicht reicht, der rückt den Dämonen mit verschiedenen magischen Fähigkeiten auf die Pelle, die ihr im Laufe des Spiels erhaltet.
Das kommt euch ein wenig bekannt vor? Kein Wunder, haben die Entwickler doch ganz offensichtlich bei Devil May Cry (DMC) oder God of War (GoW) geklaut. Das wäre ja nicht weiter schlimm, wenn es denn wenigstens gut geklaut wäre, was aber leider nicht der Fall ist.
Das Kreuz wirkt wie eine abgespeckte Version von DMC-Dante’s Pistolen und manche Sensen-Kombos wirken wie 1:1 aus GoW übernommen. Doch obwohl es ja so offensichtlich geklaut ist, spielt es sich lange nicht so gut, wie unser weißhäutiger Grieche. An manchen Stellen reagiert der Dichter einfach zu spät und auch fürs Blocken braucht er manchmal ewig. All das kann einen schon auf dem normalen Schwierigkeitsgrad schnell das Leben kosten und dämpft den Spielspaß extrem!
Ab und zu bekommt ihr es dann noch mit größeren Tieren zu tun, die ihr erstmal von ihren Reitern befreien müsst, um sich anschließend selbst in den Sattel schwingen zu können. Wäre das nicht genau das neue Spielelement, welches man ja aus den Vorschauen zu GoW3 kennt, wäre das sogar mal was halbwegs Neues.

Erlöser oder Sündiger?
Habt ihr einen Gegner genug geschwächt, kommt es zu einem inzwischen typischen Finishmove. Wenigstens hier hat Visceral Games noch ein wenig Eigenkreativität bewiesen. So steht es euch frei ob ihr die Seelen der Gegner bestrafen oder erlösen wollt. Je nachdem, wie ihr euch entscheidet, erhaltet ihr Heiligkeits- oder Unheiligkeitspunkte. Erstere helfen euch, euer Kreuz aufzurüsten, während die anderen eurer Sense zu Gute kommen. Auch die Art der Magie, die ihr erhaltet, hängt von diesen Entscheidungen ab.
Der letzte Gameplayinhalt, bei dem dieses Element zum Tragen kommt, sind die Verdammten. 27 bekannte Persönlichkeiten (manchmal aber auch nur Leute aus Dante’s Leben), die euch viel mehr Punkte einbringen, als die kleinen Dämonen. Auf das Ende des Spiels hat das Alles aber keinen Einfluss, weswegen der Wiederspielwert auch gering gehalten ist.

Himmlisch-höllischer Beistand
Für die Sammler unter euch bietet sich die Möglichkeit jede Menge verschiedene Reliquien zu finden, die euch, so ihr sie denn ausgerüstet habt, bestimmte Vorteile bringen. Um das zu können, müsst ihr aber eine bestimmte Heiligkeits- oder Unheiligkeitsstufe besitzen. Diese könnt ihr wiederum durch die oben erwähnten Entscheidungen erhöhen. Ausgerüstete Reliquien werden dann durch aus Kämpfen gewonne Erfahrungen automatisch vebessert.
Neben diesen Gegenständen könnt ihr euch noch auf die Suche nach den 30 Silbermünzen machen, die Judas Ischariot für seinen Verrat an Jesus Christus erhielt. Für je 5 gefundene Münzen werden eure ausgerüsteten Reliquien verbessert.

Was wäre eine Hölle ohne Obersünder?
Am Ende jedes Kreises bekommt ihr es natürlich mit einem Endgegner zu tun. Diese verfügen über ein durchaus großes Repertoire an Angriffen und Aktionen, weshalb es schon eine Weile dauern kann, bis ihr die richtige Strategie herausgefunden habt. Auch exaktes Timing ist bei diesen Kämpfen vonnöten. Und obwohl euch schon auf Normal (im Spiel Zelot) jeder Popelgegner in den endgültigen Schlaf schicken kann, sind die Großen noch ein Stück fordernder und machen gerade wegen großer Abwechslung den größten Spaß.

Gezeichneter Held
Ein weiterer Kritikpunkt sind die Zwischensequenzen, die sich mit den Taten Dante’s im geheiligten Land befassen. Diese sind in einem seltsamen Mischung aus amerikanischem und japanischem Zeichentrick gehalten und passen meiner Meinung nach gar nicht in die düstere Handlung. Die wenigen Renderszenen sind dafür umso schöner, was das Comicgedöns aber auch nicht besser macht. Es mag ja noch logisch sein, dass es gezeichnet scheint, da sich unser Held im Intro ein großes, rotes Kreuz auf die Brust genäht hat, auf der alle seine Sünden abgebildet sind. Trotzdem hätte das Bild ja dann in normale Grafik wechseln können.

Monumentale Reise
Was das Spiel jedoch auszeichnet, sind der großartige Sound und die gelungene Kameraführung. Stark von Choralen und Posaunen dominierte Musikstücke bringen euch genau in die richtige Stimmung und vermischt mit den Schreien der leidenen Seelen, wird ein pures Erlebnis daraus.
Und die Kamera, wenngleich nicht justierbar, schickt euch auf Fahrten, die euch das Wasser in die Augen treiben. Mein Highlight hier: ihr betretet auf dem Rücken eines Kolosses eine riesige Festung und während ihr die Brücke zu Besagter überquert, zoomt die Kamera immer weiter zurück, bis ihr selbst euer gut 5m hohes Reittier kaum noch erkennen könnt.
Die deutsche Synchro ist durchwachsen. Bei manchen Sprechern merkt man die Mühe, die sie sich gegeben haben, bei Anderen fragt man sich eher, ob die im Wachkoma lagen.

Hölle auf Konsolen oder Gottesgeschenk?!
Dante’s Inferno ist meiner Meinung nach ein grundsolides Spiel mit einem genialen Spieldesign und gut durchdachter Grundidee, das leider bei der Umsetzung schwächelt. Beim Zocken hatte ich einfach immer das Gefühl, das Ganze schon so oder so ähnlich (manchmal jedoch deutlich besser) schon einmal gespielt zu haben. Wer also für die letzten Wochen bis zu GoW3 noch etwas Übung braucht oder einfach schon immer mal einen Höllentrip haben wollte, kann sich das Spiel zulegen, sollte aber kein potentielles Game-of-the-year erwarten. Wer sich über die Göttliche Komödie informiert, merkt schnell, dass Inferno nur ein Drittel ausmacht und ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass es einen riesigen Cliffhanger gibt (immerhin kann das auch die Kaufentscheidung beeinflussen ;) ).
Ich hoffe, dass sich die Entwickler die Kritik an ihrem Spiel zu Herzen nehmen und dann bei Dante’s Purgatorio alles richtig machen.

5 Antworten zu „Dichter auf Wanderschaft“


  1. 1 Christian 28. Februar 2010 um 7:05 pm

    Da kann ich dir in fast allen Punkten zustimmen: es spielt sich sehr altbacken, Design und Musik sind echt abgefahren und die Zeichentrick-Sequenzen wirken ziemlich unpassend. Allerdings seh ich das mit der Kamera ein wenig anders, manchmal störts doch ein wenig, dass die fest ist.

    Mehr kann ich dann sagen, wenn ichs selbst durch hab ^^

  2. 2 spanksen 1. März 2010 um 10:47 am

    Ich warte doch lieber auf Metro 2033!


  1. 1 My Vengeance ends now « The holy temple of Laosüü Trackback zu 28. März 2010 um 9:42 pm
  2. 2 Endzeit-Jedi « The holy temple of Laosüü Trackback zu 18. Mai 2011 um 10:07 am
  3. 3 Der bessere Dante « The holy temple of Laosüü Trackback zu 9. Oktober 2011 um 8:29 pm

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